Abstracts
16.00-18.00 UHR: SESSION I: VULNERABILITÄT UND RESILIENZ — KONZEPTIONELLE ZUGÄNGE
Resilienz, ökologische Integrität und Systemdynamiken zwischen Theorie und Praxis
Felix Müller und Benjamin Burkhard
Bei der Analyse von Systemdynamiken sind oftmals bestimmte Muster erkennbar, welche mit Theorien wie Resilienz, Adaptivität und Vulnerabilität in Verbindung gebracht werden können. Ökosystementwicklungen können in zwei verschiedene Phasen unterteilt werden: eine Phase der Komplexifizierung, welche durch die Optimierung bestimmter Orientoren gekennzeichnet ist, und eine Destruktions- und Wiederaufbauphase, welche nach Störungen folgt. Diese zwei Entwicklungsphasen sind im Konzept des "adaptive cycle" integriert und illustriert. Der Systemzustand, hier charakterisiert durch seine Integrität, ändert sich im Zuge dieser Dynamiken. Basierend auf diesen Grundideen werden derzeitige Definitionen von Resilienz, Adaptivität und Vulnerabilität diskutiert und deren Dynamiken in verschiedenen praxisorientierten Fallstudien exemplarisch dargestellt. Aus den Erkenntnissen folgen neue Definitionen für o. g. Begriffe und entsprechende Managementmaßnahmen werden abgeleitet.
Programmübersicht Session I
Der soziologische Resilienzansatz im Entwicklungszusammenhang
Daniel F. Lorenz
Der Resilienzansatz wird zurzeit auch vor dem Hintergrund des Entwicklungszusammenhangs in verschiedenen Disziplinen (Geographie, Ökologie, Soziologie etc.) diskutiert. Die Diskussionen verbleiben häufig in einem engen fachspezifischen Korsett, obwohl der Ansatz — trotz fachspezifischer Eigenheiten — offen für einen gemeinsamen inter- und transdisziplinären Dialog ist. Dieser wünschenswerte Dialog vermag allerdings nur dann wirklich erfolgreich zu sein, wenn es gelingt, andere, fachspezifische Erkenntnisse in den Resilienzansatzes zu übersetzen und so einer gemeinsamen Kommunikation zur Verfügung zu stellen. Der spezifische Wert und Nutzen des Resilienzansatzes könnte gerade auch im Fokus des Entwicklungszusammenhangs darin bestehen, verschiedene disziplinäre Perspektiven zu integrieren, diese sich wechselseitig befruchten zu lassen ohne dabei die fachspezifischen Eigenheiten aufzulösen. Die Soziologie kann vor diesem Hintergrund ein eigenes Konzept der Resilienz formulieren und in die Diskussion einbringen: Resilienz ist die Eigenschaft sozialer Systeme trotz vielfältiger Veränderungen persistieren zu können — auch wenn dies nur mit einer veränderten Binnenstruktur möglich ist. Das Konzept der Resilienz versucht in Abgrenzung zu vorsorgeorientierten Ansätzen erst gar nicht, bestimmten Gefahren zu selektieren und diesen durch planerisches Handeln zu begegnen, sondern der äußeren Gefahr überhaupt. Das, was eine soziale Entität dazu befähigt, sich als resilent zu erweisen, sich auf veränderte Umweltbedingungen einstellen zu können, kann sehr unterschiedlich sein, ist stark kontextabhängig und oftmals nur aus einer Perspektive ex post zugänglich. Trotz dieser epistemologischen Beschränkungen und Kontingenzen können dennoch auf einer sehr allgemeinen Ebene institutionelle, ökonomische und soziale Faktoren benannt werden, die die soziale Resilienz beeinflussen. Der fachspezifische Beitrag der Soziologie könnte in der Untersuchung des Zusammenhangs und -spiels der verschieden Indikatoren aus dem Blickwinkel unterschiedlicher soziologischer Traditionen liegen, denn die Förderung von Resilienz wurde zwar durch die UN als zentraler Bestandteil der Katastrophenvorsorge anerkannt, nach wie vor ermangelt es jedoch einer darauf aufgebauten und differenzierten Entwicklungszusammenarbeit. Letztere verbindet sich nicht noch nicht in der ausreichenden Maße mit den lokalen Strukturen und Faktoren der Resilienz. Diese bleiben ungenutzt und können somit nicht zur Erhöhung der Resilienz beitragen. Stattdessen führen der Import fremder Vorstellungen und der Eingriff in Strukturen anderer Systeme zu oft zu einer Erhöhung der Vulnerabilität. Nur durch eine genaue Analyse der lokalen Sozialsysteme kann die Resilienz gesteigert werden.
Programmübersicht Session I
Resilienz - Methodologische Bemerkungen
Josef Bordat
Resilienz gilt als Schlüsselkonzept der Katastrophensoziologie, besonders mit Blick auf Katastrophen in Entwicklungsländern. Die Erforschung von Resilienz als Widerstandfähigkeit eines Systems gegenüber äußeren Einflüssen verlangt zunächst eine genaue Kenntnis dieses Systems, d. h. der Bedingungen, unter denen es sich in einem spezifischen Gleichgewicht befindet, das von besagten Einflüssen gestört wird. Dazu ist es nötig, die relevanten Akteure einzubeziehen und die wissenschaftliche Außen- um eine praxisorientierte Innenperspektive zu ergänzen und den Wahrheitsanspruch der Forschung so zu verstehen, dass beide Zugänge gleichberechtigt an der Erkenntnisgewinnung teilhaben, auch und gerade, wenn die Deutungsformen der Betroffenen auf Annahmen basieren, die mit denen der (Natur-)Wissenschaft kollidieren. Zu dieser These sollen im Vortrag methodologische Aspekte diskutiert werden.
Methodologisch geht es um die Frage, ob das Verständnis von Erkenntnisgewinnung, das in unserer westlichen, naturwissenschaftlich dominierten Wissenskultur mit einem empiristisch verengten Begriff von "Bedeutung" vorherrscht, als exklusiver Zugang zur Wahrheit verstanden werden soll oder nicht, mit anderen Worten: ob Aussagen, die nicht empirisch signifikant sind (in erster Linie religiöse Glaubenssätze, aber auch historische Deutungen, kulturelle Vorstellungen, ethische und ästhetische Postulate) im Diskurs um die Wahrheit einen Platz haben sollen. Im Vortrag wird mit nachfolgendem Gedankengang für eine methodische Offenheit argumentiert:
- Im vorherrschenden naturalistischen Paradigma wird von empirischer Signifikanz auf wissenschaftliche Relevanz und von dort auf Wahrheit geschlossen. Derart bildet der Signifikanzvorbehalt des Naturalismus einen Filter für Sinn und Unsinn. Er erhebt infolgedessen die empirisch arbeitenden Naturwissenschaften zum Paradigma wissenschaftlicher Tätigkeit überhaupt.
- So entsteht ein Methodenmonopolismus, der jede Erfahrung, die nicht empirisch signifikant ist, abweist, so dass jede Aussage, mit der auf Entitäten nichtempirischer Realerkenntnis referenziert wird, a priori als unerheblich gekennzeichnet wird.
- Die Frage, die sich aufdrängt lautet: Was berechtigt den Naturalisten zu einer Diskursregel, die den Begriff der Wissenschaft derart verkürzt? Wissenschaftliche Wahrheit über Aussagen (also: sprachanalytisch) zu bestimmen, zugleich aber bestimmte Positionen methodisch von der Kommunikation auszuschließen, beschränkt den Wahrheitsbegriff unzulässig, mehr noch: eine solche Filterung hemmt die Suche nach Wahrheit. Zur Wahrheit führt nur ein Dialog, der keine Form menschlicher Selbstvergewisserung und Daseinsorientierung prima facie ausschließt.
- Wir sollten das naturalistische Paradigma der Naturwissenschaften als das auffassen, was es ist: als ein mögliches Paradigma der Forschung, das in bestimmten Bereichen gute Dienste tut, in anderen aber zu kurz greift.
- Es ist daher richtig und wichtig, die Akteure im System (also: die Menschen, um die es geht), einzubeziehen, sie zu befragen, ihre Meinung ernst zu nehmen und ihr tradiertes lokales Wissen als gleichwertig gegenüber "wissenschaftlichem Wissen" zu behandeln.
9.00-11.00 UHR: SESSION II: VULNERABILITÄT UND RESILIENZ IN DEN USA, ARGENTINIEN UND EUROPA
(Not) Having a Voice: Repräsentation marginalisierter Interessen in den Aufbauplanungen in New Orleans nach Katrina
Anne Dölemeyer
Nach der Flut ist vor der Flut: Im Wiederaufbau werden die Weichen gestellt für die zukünftigen Chancen, einen weiteren Hurrican der Stufe 3, 4 oder gar 5 zu überstehen.
Obwohl sie als gescheitert gelten, hatten 3 große Planungsrunden nach Hurrican Katrina zum Ziel, eine Gesamtvision für den Wiederaufbau zu bilden. In ihrem Verlauf war eine Kernfrage, wer mitreden und mitentscheiden darf über die Wiederaufbaupläne, wie dies geschieht, was legitime Formen der Äußerungen sind und wie diese eingespeist/ "hörbar" bzw. anschlussfähig gemacht werden können. Dabei ist auch entscheidend, welche Themen und Fragen überhaupt zur Diskussion zugelassen wurden. Last but not least stellte sich fortwährend die Frage, wer diejenigen, die nicht für sich selbst sprechen können, auf welche Weise legitim repräsentieren darf UND auch noch gehört wird.
Vom Verlauf und Ergebnis dieser Verhandlungen hing und hängt viel ab: Sie haben Themen gesetzt und die Art und Logik ihrer diskursiven Bearbeitung geformt, Kommunikationswege etabliert, die Herausbildung und Festigung von neuen kollektiven Akteuren befördert und haben - trotz ihres Scheiterns - Blaupausen geliefert, die in modifizierter Form in den tatsächlichen Aufbaubemühungen (inkl. der Implementierung einzelner Projekte in den "Target Areas" des Office of Recovery Management) wieder auftauchen.
Dies nachzuvollziehen lenkt die Aufmerksamkeit auf einige Fragen, die m.E. zentral sind für die Gestaltung von Vulnerabilitäten und Resilienz. Der Vortrag zeigt an einem Fallbeispiel, wie die Fähigkeit zur Artikulation und zur Teilnahme an Verhandlungen über den Wiederaufbau mit der (Re-)Produktion von Vulnerabilität bzw. Resilienzen zusammen hängen.
Programmübersicht Session II
Krise als Norm. Argentinien und der bequeme Umgang mit dem Ausnahmezustand
Alejandro Pelfini
Argentinien wird immer wieder von Krisen erschüttert, die weit mehr sind als ökonomische Krisen oder als die typisch für Lateinamerika "corsi e ricorsi" von Präsidenten. Das Land wird im Zuge dieser Krisen "neu erfunden": Paradigmen, Währung und Investitionen werden entwertet, aber auch Eliten werden ersetzt, neue soziale Bewegungen und unerwartete Akteurkonstellationen bilden sich heraus - zumindest man hat den Eindruck, dass dies rasant geschieht. Der Umgang mit diesem Ausnahmezustand scheint jedoch fast routiniert. Eigentlich betrachten sich die Argentinier gern als Ausnahme. Anders als erwartet wird hier nicht gegen diese Instabilität argumentiert. Im Gegenteil zur Mehrheit der Länder in der Region, haben breitere Sektoren der Gesellschaft Argentiniens Zugang zur Macht: In diesem ständigen Wechsel wissen aufsteigende Gruppen, dass sie irgendwann "dran sind". Bei allen evidenten Schwierigkeiten die solch eine instabile Situation verursacht, bedeutet sie zugleich eine Gelegenheit zum Experimentieren und zur Innovation. Es wird im Vortrag der Frage nachgegangen, ob diese Bedingungen wiederum ausreichend für die Entfaltung von kollektiven Lernprozessen und zur Steigerung vom Resilienz sind.
Programmübersicht Session II
Resilienz im lokalen Kontext: Wie in Galtür die Lawinenkatastrophe von 1999 verarbeitet worden ist
Bernd Rieken
Im Februar 1999 verwüstete eine gewaltige Lawine Ortsteile von Galtür, die seit Jahrhunderten als sicher gegolten hatten. Die Katastrophe erschütterte die Tiroler Gemeinde in ihren Grundfesten, zumal durch die nachfolgende "Medienlawine" nicht nur massive Schuldzuweisungen erfolgten, sondern darüber hinaus der Name "Galtür" zum Synonym für alpine Katastrophen schlechthin geworden ist. Daher war es interessant zu erfahren, ob und inwieweit die Einheimischen die Katastrophe von 1999 verarbeitet haben. Zu diesem Zweck führte der Vortragende aus dem Blickwinkel der ethnologisch-psychologischen Katastrophenforschung im Jahre 2008 qualitative Interviews mit Dorfbewohnern - und kam zu überraschenden Ergebnissen, die sich weder in den Mainstream der Europäischen Ethnologie noch den der Psychotherapiewissenschaft und Psychotraumatologie recht einfügen wollen.
Programmübersicht Session II
11.15-12.45 UHR: SESSION III: VULNERABILITÄT UND RESILIENZ — ANALYSE, ASSESSMENT, BEWERTUNG I
Megacity Indicaters System (MIS) for Disaster Risk Management in Istanbul
Bijan Khazai
The Megacities Indicators System (MIS) for Disaster Risk Management in Istanbul is a risk communication and planning tool useful for illustrating urban seismic risk, benchmarking, and measuring disaster risk management performance of megacities. Working closely with a core group of local practitioners; in particular technical staff and officials at the Municipality of Istanbul, the main goal of the project is to train and engage the Municipality's technical staff in the development and implementation of indicators system to help enhance stakeholders' ownership and assist in policy development, decision-making, and monitoring the effectiveness of specific risk reduction options. Building on prior methodology, the MIS Index provides an overview of not only the expected physical damage, through a Physical Risk index, but also looks into the social fragility and lack of resilience in the different districts in Istanbul through a Social Vulnerability index. Social fragility is assessed in Istanbul through a detailed field survey on issues such as community preparedness, risk perception, risk awareness, risk mitigation and solidarity. Another index, the Disaster Risk Management Index (DRMi), measures the performance and effectiveness of disaster risk management policies at the Istanbul Metropolitan Municipality (IMM) based on predefined performance targets or benchmarks derived from policy documents such as the 2002 Istanbul Earthquake Master Plan and IMM's 2007-2014 Strategy Document for earthquake risk reduction. The Disaster Risk Management index is used as a "control system", for the stakeholders to measure performance and effectiveness of different operational and organizational policies and their effect on the total Urban Seismic Risk in the different regions for which the indicators are developed.
Programmübersicht Session III
Vulnerability Reduction in Mozambique — The key of providing spatial information on the district and local level
Stefan Kienberger
Central Mozambique is prone to hazards such as droughts, floods and cyclones. Recent events such as severe droughts between 2002 and 2006, the devastating cyclone Favio in 2007 and heavy floods in 2008 have shown the high vulnerability of local people and communities. As Southern Africa is influenced through the "El Nino" phenomena, those hazards have to be seen in an integral way. Furthermore, Mozambique is still characterized through the aftermath of its civil war. Despite a high economic growth rate, Mozambique still remains as one of the poorest countries in Africa.
However, Mozambique is influenced through several donor agencies, which strongly act in the domain of disaster risk reduction. Within decentralizing efforts more legislative and executive power is given to districts, particularly in the field of disaster risk reduction. Additionally community based decision making, following traditional frameworks, still plays an important role. Therefore appropriate information for the various decision makers has to be made available, to successfully implement disaster risk reduction measures.
The presentation draws on a case study of the District of Búzi in Central Mozambique. After the flood events in the year 2000 several programmes have been introduced to reduce the vulnerability of people, on the local/community and at the district level. Búzi has been one of the most affected districts and has therefore seen different donor oriented projects. The implementation on different levels and the current structure are assessed. However, the major focus of this presentation lies on the assessment of integration of spatial decision making products and how they can contribute within a disaster risk reduction framework. These "products" encompass satellite based crisis information as a response measure during disaster events, but also vulnerability maps which should allow adequate measures to reduce (local) risks.
A modelling approach of vulnerability on the local and district level is presented which incorporates participatory oriented practices in combination with spatial analysis. An expert based and participatory approach has been chosen which integrates the perceptions of national and regional experts on one hand, and community members on the other hand.
The results of several brainstorming and scoring exercises have been integrated in a GIS and remote sensing environment. Different data layers deriving from current census data, national and research based spatial data infrastructures and remote sensing data have been analysed and integrated. Additionally vulnerability maps have been made available for three selected communities based on very high resolution satellite images.
It can be summarized that the integration of different datasets and the perceptions of people allows the modelling of the complex issue of vulnerability. Additionally gaps between the perceptions of experts, stakeholders and (affected) community members can be identified and further investigated. However, it is important to consider the long term sustainability of such approaches, which require regional capacities and appropriate structures at the local and district level.
Programmübersicht Session III
14.00-16.00 UHR: SESSION IV: VULNERABILITÄT UND RESILIENZ — ANALYSE, ASSESSMENT, BEWERTUNG II
Transdisziplinäres integratives Vulnerabilitätsassessment (TIV)
Martin Voss
Vulnerabilität hat mindestens drei Dimensionen:
- die Eigenschaften, die eine betrachtete Einheit eher „labil“ oder eher „robust“ gegenüber Veränderungen und Störungen (Hazards) machen,
- die Mittel, über die die jeweiligen Referenzeinheiten in unterschiedlichem Maße verfügen,
- ob und in welchem Maß Referenzeinheiten welchen Hazards ausgesetzt sind.
Programmübersicht Session IV
Eurozentrismen im Katastrophenbegriff und in der Katastrophenhilfe. Über die Wahrnehmung von Naturgefahren und den lokalen Umgang mit natürlichen Extremereignissen auf der Insel Flores in Indonesien
Urte Undine Frömming
Dieser Beitrag setzt sich am Beispiel des Umgangs mit Naturgefahren auf der Insel Flores in Indonesien mit den unterschiedlichen Eurozentrismen in der Katastrophenhilfe auseinander. Als im Juli 1993 der Lewotobi laki-laki im Osten Indonesiens ausbrach, widersetzten sich die Ältesten der Evakuierung, um die bei einem Vulkanausbruch notwendigen Rituale durchzuführen. Die Rituale konnten in einer Eruptionspause stattfinden. Es kam niemand zu schaden. Die Diskussionen, die zwischen Katastrophenhelfern und lokaler Bevölkerung geführt wurden, zeigen, dass ein unterschiedliches Verständnis von Naturgefahren existiert, welches Thema dieses Vortrags ist.
Programmübersicht Session IV
Tsunami Hilfe in Sri Lanka. Wenn Hilfe verwundet!
Pia Hollenbach
Am 26 Dezember 2004 ereignete sich eine der bis dato größten aufgezeichneten Naturkatastrophen der Welt. Ein massives Erdbeben, gemessen mit 9 auf der Richterskala, vor der Küste Sumatras löste einen Tsunami aus, der in seinem Verlauf 13 Länder erreichte und teilweise zerstörte — Indonesien, Sri Lanka, Thailand, Indien (waren am stärksten betroffen), Malediven, Malaysia, Myanmar, Bangladesh, Seychellen, Madagaskar, Somalia, Kenia and Tansania. Viele Menschen starben, die materiellenn Verluste waren enorm hoch, und wieder zeigte sich, dass die am meisten verwundbaren Gesellschaftsgruppen am stärksten betroffen waren.
In der westlichen Welt führte der Tsunami zu einer "Entgrenzung der Solidarität" (Radtke, 2008). Die Distanz zwischen Gesellschaften wurde überwunden. Das Naturereignis exemplifizierte die universelle Verwundbarkeit einer Weltrisikogesellschaft gegenüber der Natur ( z.B. Beck). Menschen aus der westlichen Welt fühlten sich verpflichten den unschuldigen, betroffenen Menschen in den Tsunami Gebieten zu helfen. Beck (2005, 41) führt dies auf den globalen Tourismus zurück und schreibt "Mobility and cosmopolitanism, especially in the form of global tourism made the tsunami a personally experienced event beyond all previous geographical and social scales and borderlines".
Ausdruck der globalen Solidarität/Fürsorge waren hohe Summen an Spendengeldern, die in kürzester Zeit bei den Not- und Katastrophenorganisationen eingingen. Durch neue Formen von Spenden, wie Städte/Gemeinde Partnerschaften, Patenschaften und direkten Geldspenden gebunden an eine Projektidee, gerieten Hilfsorganisationen in ein Dilemma. Die direkte Einmischung der Geber in Hilfsprojekte veränderte die Verantwortlichkeit gegenüber Gebern und Empfängern. Die Spenden wurden zu einem "Geschenk" mit Konditionen und Forderungen, welche eine neue Form der Hegemonie und bestehende Asymmetrien zwischen Gebern und Empfängern perpetuiert. Wie M. Douglas (1990, vii) schreibt "though we laud charity as a Christian virtue we know how much it wounds". Wie Hilfe verwundet, die Verwundbarkeit steigen und die Resilience sinken lässt, veranschaulicht der Beitrag anhand konkreter Praktiken, Diskurse und Rituale einer Hilfsorganisation in Sri Lanka.
Programmübersicht Session IV
16.30-18.00 UHR: SESSION V: EMPIRISCHE ZUGÄNGE (PRAKTISCHER UMGANG / MEDIEN / KOSTEN)
Der Trinkwassereinsatz des Technischen Hilfswerks in Myanmar nach Wirbelsturm Nargis
Henning Goersch
Im Frühjahr 2008 traf Wirbelsturm Nargis auf seinem Weg über den Indischen Ozean im Moment seiner stärksten Ausprägung auf Myanmar (Birma) — insbesondere das Irrawaddy-Delta. Eine verhängnisvolle Kombination aus durch den Sturm ins Landesinnere gedrücktem Meerwasser, einlaufender Flut und aufgestauten Wassermassen des Irrawaddy-Flusses führte zu unermesslichem Leid in der gesamten Region: Nach Schätzungen verloren 120.000 Menschen ihr Leben, 1 bis 2 Millionen Hab und Gut und vor allem Obdach. Hinzu kommen langfristige Schäden durch verlorenes und zerstörtes Saatgut, versalzene Böden und unbrauchbar gewordene Trinkwasserreservoirs.
Der nötige massive Hilfseinsatz konnte aus politischen Gründen nicht realisiert werden. Dennoch gab es einzelne Hilfsaktionen. Rund drei Wochen nach der Katastrophe war die Schnell-Einsatz-Einheit Wasser Ausland (SEEWA) des Technischen Hilfswerks (THW) im Delta vor Ort und konnte mit der Trinkwasserproduktion beginnen.
Der Vortrag stellt die primären und sekundären Schäden im Irrawaddy-Delta dar. Diese Region, auch als "Reisschüssel Asiens" bekannt, ist zum Anbau eben dieses Nahrungsmittels durch die flache und feuchte Landschaft hervorragend geeignet. Gleichzeitig ergibt sich durch diese geographischen Gegebenheiten eine extreme Vulnerabilität gegenüber Fluten und Stürmen, vor denen das Gebiet keinerlei Schutz bietet.
Dargestellt werden soll auch die Trinkwasserproduktion des Technischen Hilfswerks. Trotz Durchführung eines Schnelleinsatzes verzögerte sich der Beginn der Hilfsaktion erheblich und bewegte sich anschließend im Graubereich zwischen Humanitärer Soforthilfe und langfristiger Entwicklungshilfe. Beispielhaft werden zudem Hilfsmaßnahmen anderer Organisationen vorgestellt. Der gesamte Vortrag ist dabei eher deskriptiv konzipiert und basiert besonders auf den persönlichen Erfahrungen des Autors.
Programmübersicht Session V
Katastropheninformationen oder Informationskatastrophen? Kommunikationsnotwendigkeiten in Katastrophen unter Berücksichtigung des Medienwandels und der Handlungslogiken von Betroffenen
Helena Zemp
Im neuen Jahrhundert hat bereits eine ganze Serie von dramatischen Naturereignissen die Menschen rund um den Globus aufgeschreckt. Jahr für Jahr werden neue Rekorde verzeichnet, sei es hinsichtlich volkswirtschaftlichen oder versicherten Schäden. Schlimmer noch sind die Opferzahlen, die vor allem in Entwicklungsländern zu verzeichnen sind. Ein katastrophales Hochwasser hat sich auch in der Schweiz im August 2005 ereignet. Mit einer Schadenssumme von 3 Milliarden und (nur) 6 Todesopfern ist der Wunsch nach Katastrophenschutz und Absicherungssystemen in reichen Ländern wie der Schweiz ähnlich ausgeprägt wie in Entwicklungsländern.
Jedes derartige Ereignis erfordert eine Standortbestimmung. Der Verbesserung der Information und des Wissenstandes der Bevölkerung wird Priorität unter den eingeleiteten Massnahmen beigemessen. Im Unterschied zu Entwicklungsländern haben wir in den meisten westlichen Ländern bereits ein weit ausdifferenziertes Informations- und staatliches Schutzsystem, in dem die Prävention einen wichtigen Aspekt der Katastrophenvermeidung ausmacht. Aufgrund neuer Medientechnologien erweitern sich die Möglichkeiten, sowohl die Alarm- und Informationsketten als auch die Katastrophenkommunikation zu optimieren. So ist es beispielsweise möglich Katastrophenwarnungen per SMS zu erhalten. Globale, nationale oder auch lokale Beobachtungen zum Wettergeschehen lassen sich per Internet abrufen Auch lässt sich dort das Katastrophengebaren in Real time verfolgen. In verschiedenen Gebieten der Welt können solche Innovationen helfen, das Ausmass von Katastrophen zu reduzieren. Allerdings hängt der Erfolg der Massnahmen zur Verbesserung von Informations- und Alarmierungsketten nicht nur von technischen Mitteln ab. Die Unsicherheit, ob die gesendete Information ankommt, verstanden wird und eine adäquate Reaktion auslöst, bleibt bestehen. Das menschliche Verhalten als Teil eines Warn- und Massnahmesystems ist ein wichtiger als auch kritischer Faktor der Katastrophenkommunikation. Dieser Aspekt wurde bei der Konzeption von Präventions- und Vorsorgemassnahmen bislang zu wenig berücksichtigt. Infolgedessen können die getroffenen Massnahmen nicht nur ihre Wirksamkeit verfehlen, sondern Kaskaden neuer Risiken mit sich bringen.
Daher soll der Fokus dieses Beitrags auf der Aufdeckung von vorhandenen Schwachstellen und Inkompatibilitäten sowie den Konsequenzen liegen, die aus dem Übersehen bzw. der bisherigen Vernachlässigung von Analysen — etwa zu medienspezifischen Entwicklungen und Handlungslogiken der betroffenen Bevölkerung — entstehen. Dazu werden mit Blick auf die Schweiz empirische Befunde zur Wahrnehmung von Katastrophen durch Medien, zum Mediennutzungsverhalten in einer Notlage, sowie zum Risikobewusstsein und Präventionsverhalten zusammengeführt. Was die gewonnen Erkenntnisse dieser Untersuchung hinsichtlich der lang- und kurzfristigen Vermeidung von Katastrophen bzw. Schadensverminderung in unterschiedlichen Gesellschaften beitragen können, wird abschliessend dargestellt.
Entwicklungsländer in der doppelten Krise - Vulnerabilität und Anpassungsstrategien an den Klimawandel
Linda Ramcke
Ärmere Bevölkerungsschichten in den Entwicklungsländern leiden besonders an den Folgen des Klimawandels. Ihr Überleben hängt häufig direkt vom Naturraum und der Landwirtschaft ab. Beide werden durch Klimaveränderungen stark beeinträchtigt. Durch den bestehenden Mangel an Bildung, Infrastruktur, Ressourcen und erschwerten Zugang zu wichtigen Dienstleistungen sind in Armut lebende Menschen anfälliger gegenüber Stresssituationen. Die hohe Verletzbarkeit von Entwicklungsländern wird beispielhaft an der Lebensmittelpreiskrise der letzten Jahre deutlich, dessen Kosten für die Entwicklungsländer auf 324 Millarden US$ geschätzt werden und die 100 Millionen Menschen mehr in die Armut gedrängt hat. Die durch den Klimawandel verursachte Erderwärmung wird sehr wahrscheinlich die landwirtschaftlichen Erträge weltweit sinken lassen (IPCC, 2007) und ähnliche Krisen verursachen.
Für die Entwicklungspolitik ergeben sich zwei Arbeitsschwerpunkte, die Anpassung an die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels und die Verminderung des vermeidbaren Klimawandels. Aufgrund der historischen Verursacherrolle der Industrieländer wird von diesen erwartet, dass sie die besonders betroffenen Länder und Menschen bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützen. Ein zentrales Element ist die Verringerung der Vulnerabilität der Ärmsten. Die Anpassungskosten in Entwicklungsländern werden auf zweistellige Milliardenbeträge jährlich geschätzt. Die Finanzkrise wird den Klimawandel wahrscheinlich nicht signifikant beeinflussen, aber sie wird einen negativen Einfluss auf die Reduzierung der Vulnerabilität in Entwicklungsländern, sowie auf die Höhe der Entwicklungshilfegelder haben.
Die Antwort auf die derzeitige wirtschaftliche Krise sind weltweite Konjunkturprogramme, die insgesamt 3 Billionen US$ übersteigen (Scheuerle, 2009). Der große Umfang der Konjunkturprogramme eröffnet die Chance jetzt massiv in emissionssparende Maßnahmen zu investieren und damit den Strukturwandel hin zu CO2-armen Volkswirtschaften einzuleiten und gleichzeitig die Weichen für ein klimafreundliches Wachstum zu stellen. Die notwendigen Investitionen um diesen „grünen“ Wachstumspfad einzuschlagen, werden auf 750 Mrd. US$ geschätzt (UNEP, 2009). Das entspricht ca. einem Viertel der weltweiten Konjunkturpakete. Der tatsächliche Anteil umweltfreundlicher Investitionen liegt mit 14-16 Prozent deutlich unter den von dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen geforderten 25 Prozent.
Programmübersicht Session V
